Kurzgeschichte: Das Geschenk des Pfahlbauers

Es war einmal vor langer Zeit, als noch dichte Wälder das Land rings um den Bodensee bedeckten und die Winter lang und finster waren. Wärme fanden die Menschen nur vor ihren Öfen, welche das Holz in Unmengen fraßen. Ja, die Menschen brauchten sogar so viel Holz, im Kampf gegen die beständige Kälte, dass die Wälder Jahr für Jahr weiter vor ihnen zurückwichen und immer weitere Wege zurückgelegt werden mussten, um das Futter für die allzu gierigen Feuer zu schlagen.  

Da begab es sich in einer hellen Mondesnacht, die noch kälter war als die vorangegangenen, dass ein junger Bursche namens Peter von seiner Mutter in den Wald geschickt wurde, einen Baum zu schlagen. Das Holz im Schuppen ging zur Neige und die Geschwister froren.  

Zwar ängstigte ihn nichts mehr, als die warme Hütte des Nachts zu verlassen – hatten sie unten im Dorfe doch erst tags zuvor von einem Rudel Wölfe gesprochen, das es zu jagen galt. Aber das Feuer durfte nicht erlöschen. Also schwang Peter seine Axt über die Schulter und machte sich auf den Weg in den Wald.  Die Sterne und der Mond lugten nur dann und wann hinter schwarzen Wolken hervor. Den See hörte er mehr, als dass er ihn sah. Sacht plätscherten Wellen an das nahe Ufer, das sich in der Dunkelheit vor ihm verbarg.  

»Wenn es doch nur nicht so bitterlich kalt wäre«, murmelte Peter in die vor Frost knisternde Luft. Weiße Nebelschwaden trugen seine Worte davon. Bei jedem seiner Schritten sackte er tief in den frisch gefallenen Pulverschnee. Da seine Familie sehr arm war – war doch der Vater im Krieg geblieben und Peters Schwestern und Brüder stets hungrig – trug er nichts als ein paar Lumpen und eine mottenzerfressene Fellweste am Leibe, weswegen er bereits nach kurzer Zeit erbärmlich schlotterte. Sehnsüchtig wünschte er sich zurück auf den Ofen, wo er sich, unbehelligt von der Welt, neben dem Familienkater zusammenrollen konnte.  

Da sah er ihn! Einen vortrefflichen Baum!

Die kahle Eiche war nicht zu groß und nicht zu klein, nicht zu alt und nicht zu jung. Diesen oder keinen würde er nach Hause bringen. Prüfend klopfte Peter gegen die Rinde. Was auch immer ihm das sagte – und das es ihm etwas sagte, stand außer Zweifel – stellte ihn sichtlich zufrieden. Probehalber ließ er seine Axt schwungvoll durch die Luft zischen. Er hatte das Handwerk des Bäumeschlagens von seinem Vater erlernt und konnte bestens erkennen, an welcher Stelle der Baum gefällt werden wollte. Nachdenklich umrundete er also das Bäumchen und wäre – oh Schreck! – beinahe in einen Mann hineingelaufen. Wie aus dem Boden gewachsen stand er da. Dabei hätte Peter schwören können, dass er bis eben noch allein gewesen war.  

Peter hatte für unbekannte Gestalten in der Dunkelheit nicht viel übrig und hob warnend seine Axt ein wenig höher. »He, du da! Das hier ist mein Baum und ich gedenke ihn zu fällen. Also zieh besser weiter.« 

Ohne zu antworten, starrte der Mann nachdenklich den Baum an und Peter wurde es unheimlich zu mute. So einen merkwürdigen Gesellen hatte er hier noch nie gesehen. Der Bart des Fremden war lang und buschig und sein Gesicht braun und wettergegerbt. Und seine Kleidung! War das ein Umhang aus Stroh, der ihm da über den Schultern hing? Und – Herrgott nein, dass konnte doch nicht sein! – selbst seine Schuhe schienen aus irgendwelchen Gräsern geflochten! Wenn der Mann nur nicht so finster dreingeschaut hätte, es könnte einem das Herz erweichen. 

»Hast du mich nicht gehört? Das ist mein Baum, ich habe ihn gefunden und werde ihn fällen. Weiter habe ich hier nichts zu schaffen und keinen Pfenning in der Tasche!«, versuchte es Peter erneut. 

Wortlos blickte der Unbekannte den Baumstamm herauf und herunter und zog eine Axt unter seinem weiten Strohumhang hervor. Aber was für ein unpraktisches Ding das doch war! Nur ein Stein, mit Bindfäden an einen Stock geknüpft! 

Der Mann holte aus und schlug mit kräftigen Schlägen von oben her dünne Spähne vom Stamm.  

»Was machst du denn da?« Peter war entsetzt. Der Fremde verschandelte seinen schönen Baum! »Hör auf damit, du Waldschrat!« 

Ohne Unterlass hackte dieser weiter an dem Baum herum. Ob er taub war? Peter stemmte seine Hände in die Seiten, trat näher an den Mann heran – und fuhr sogleich erschrocken vor der Axt zurück. »He! Pass doch auf. Willst du mir den Schädel einschlagen?« 

Klack. Klack. Klack. Immer mehr Spähne standen in alle Richtungen von der jungen Eiche ab. Immer dünner wurde ihr Stamm.  

Missmutig ließ Peter die Schultern sinken. Sollte dieser Kerl den Baum doch haben! Wahrscheinlich war der Lump noch ärmer dran als er selbst. Warum sonst lief er in Gräser gehüllt durch die Gegend?  

Schon wollte er sich auf die Suche nach einem neuen Baum begeben, doch irgendetwas hielt ihn zurück. Vielleicht wollte er auch nur sehen, ob die Steinaxt etwas taugte.  

Der fremde Mann trat einen Schritt zurück und hieb ein letztes Mal kräftig zu. Und tatsächlich! Der Stamm knickte weg und der Baum fiel. 

»Gar nicht schlecht«, lobte Peter widerwillig und zum ersten Mal blickte der Fremde ihn an. Hell leuchteten seine Augen im Mondeslicht. Immer noch schweigend hob er die Hand und wies erst auf Peter, dann auf die Krone des Baumes. Verwirrt stand Peter da. Sollte er ihm jetzt auch noch beim Tragen helfen? 

Der Mann packte das untere Ende des Baumes. Ungeduldig winkte er Peter heran, der ergeben stöhnend den Baum ergriff. Wieso konnte er nur nie Nein sagen? 

Dann setze sich ihr Zug in Bewegung.  

»Ist es weit bis zu deiner Bleibe?«, rief Peter nach vorn. Immer noch Schweigen. Der Schnee knirschte zu ihren Füßen. Doch nein! Der Schnee knirschte unter seinen Füßen! Die letzte Farbe wich aus Peters Gesicht, als ihm gewahr wurde, dass nur er allein bis zu den Waden versank. Der Fremde da weilen schwebte über den Boden, ohne die feine Eiskruste auch nur zu zerbrechen.  

Einem Geist konnte er sowieso nicht entkommen und so trug Peter klaglos den Baumstamm bis zum Seeufer hinunter – wenn auch mit vor Angst klappernden Zähnen. Dann endlich, kurz vor dem Wasser, hielten sie endlich an und legten ihre Last nieder. Der Mann blickte schweigend auf den See hinaus, der schwarz und beängstigend vor ihnen lag. Ob er etwas sehen konnte, dass nur für Geister bestimmt ist?

Gerade als Peter sich unbemerkt davonschleichen wollte, drehte der Geist sich steif zu ihm herum. Und griff erneut unter seinen Umhang. Holte er wieder die Axt hervor? Peter schlotterte am ganzen Leibe.

Doch es war nicht die Axt. Auffordernd hielt ihm der Fremde ein kleines Lederbündel entgegen. Alt und abgewetzt.

»Für mich?«, traute Peter sich mit trockenem Mund zu fragen.

Der Mann nickte. Langsam näherte sich Peter der Gestalt und streckte zitternd den Arm aus, bis seine Hand das Bündel umschloss. Kaum hatte er aber das Geschenk an sich genommen, da ward ihm drehend im Kopfe zu Mute und er schloss für einen Moment die Augen. Im nächsten Moment war der Spuk vorbei. Mann und Baum waren verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Allein Peters Fußstapfen führten herab zum See. 

Hatte er geräumt? Benommen rieb Peter seine Augen – und wurde des Bündels gewahr, das er immer noch in der Hand hielt. Es war also tatsächlich passiert! Vorsichtig öffnete er die lederne Kordel und spähte ins Innere. Er schmunzelte, als er eine Hand voll Eicheln entdeckt. Wenn das kein gerechter Lohn war! 

Lange noch dachte Peter an diese Nacht und den sonderbaren Mann zurück. Und noch als Greis erzählte er seinen Enkeln und Urenkeln, welche ihm ungläubig lauschten, von seinem Abenteuer. Die Eicheln aber, die hatte er in seinem Garten eingepflanzt und wenn er nicht gestorben ist, so döst er in warmen Sommern noch heute in ihrem Schatten.

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